Schädel und Schädellandschaften
Der Schädel ist in doppelter Hinsicht der bedeutendste Teil des Wirbeltierskeletts. Außen, hinter der Fassade von Haut, Fell, Fett und Muskeln, ist er Ort der Sinnesorgane und der zahnbewehrten Nahrungsaufnahme. In seiner Innenhöhle birgt er das Gehirn, die Steuerungszentrale (fast) aller vitalen Funktionen des Lebewesens. Das erklärt das Erschrecken, die furchteinflößende Wirkung, wenn er als gebleichtes Knochengebilde eben auf die Abwesenheit all dieses Lebendigen verweist: Er symbolisiert tödliche Gefahr, das Lebensende, den Tod.
Aber er wird sichtbar als ein unerwartet qualitätvolles ästhetisches Objekt. Er ist eine von Natur und Evolution geformte, eindrucksvolle Plastik, vielschichtig suggestiv von außen, vor allem aber irritierend zerklüftet im selten gesehenen Inneren. Dort erzeugen Ebenen und Höhlungen, Anhöhen und Furchen, Wölbungen und Durchbrüche oft Bilder, die an abstrakte Landschaften oder surreale Kirchenräume erinnern mögen. Der Blick geht in komplexe, von Streben durchzogene und in Zahnungen endende, schattenreiche Räume mit ondulierenden, detailreichen Wandungen. Wie in abstrakter Plastik fügen sich konkave und konvexe Volumina in- und aneinander, durchdringen sich Flächen und Linien. Bisweilen entsteht dabei etwas geheimnisvoll Maskenhaftes, das den Blick des Betrachters fesselt und unergründlich erwidert.